Liebe Männer,

lasst uns doch mal offen sein. Nein, nicht so. Macht die Hose wieder zu! ICH möchte offen mit euch sein. Wartet, nein! Ich meine nicht meine Beine!
Merkt ihr was? Es ist nicht leicht die richtigen Worte zu finden in einer Gesellschaft, die so gespickt ist mit Zweideutigkeiten, sexuellen Anspielungen und Sexismus gegenüber Frauen. Es ist nicht meine Schuld, dass ich diese Assoziationen bilde. Es ist meine Erfahrung. Ich wurde schon viel zu oft missverstanden, sodass ich mich selbst oft korrigiere und das ärgert mich! Warum sollte ich denn meine Wortwahl ständig überdenken müssen? Bloß weil ein Mann meine Aussagen gleich mit Sex verknüpft? Weil ich eine Frau bin?

Ich bin ehrlich: als Feministin, wie die meisten sie definieren, tauge ich nicht viel. Ich lasse mir gern von euch die Tür öffnen, beim Date das Essen bezahlen und habe absolut kein Problem damit einem Mann das Abendessen zu kochen. Ich spiele gern mit Klischees und nehme mich als Frau auch mal selbst aufs Korn. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich mit allem einverstanden sein muss. Der Begriff Feministin hat insgesamt einen eher schlechten Ruf. Selbst ich denke da nicht selten an Frauen, die auf Modenschauen ihren bekritzelten Oberkörper entblößen und hysterisch Parolen schreien. An Frauen, die sich zwangsläufig die Beine nicht mehr rasieren und den BH verteufeln. Diese Feministinnen gibt es. Aber eben nicht nur. Ich bin Feministin. Sonst würde ich diese Zeilen wohl nicht schreiben.

Ich möchte euch erzählen, wie es ist in einer sexualisierten Welt einen ewigen Kampf gegen die Opferrolle zu führen. Wenn wir Frauen öffentlich darüber sprechen, was uns angetan wurde, was wir durchleben und verarbeiten mussten, dann ist unser Ziel niemals euer Mitleid. Wir schreien nicht nach Aufmerksamkeit, um von euch getröstet zu werden. Wir brauchen euch nicht, um in Schutz genommen zu werden.
Wir Frauen brauchen eure Einsicht, liebe Männer!
Selbst wenn ihr, die das hier lesen, nicht zu denen gehört, gegen deren Taten und Gedanken wir ankämpfen, gibt es immer noch viel zu viele, die ignorieren, wie viel eure Solidarität uns bedeuten würde.

Sexuelle Belästigung ist für uns Alltag. Ich kenne es so gut, dass ich sehr vieles selbst als Lappalie abtue, obwohl es mich jedes Mal entsetzen sollte. Würde ich mich beschweren, weil mir ein Mann auf mein Dekolleté schaut, obwohl ich selbst das tief ausgeschnittene Top angezogen habe? Nein. Dafür ziehe ich es ja an. Aber selbst wenn mir ein Mann, der gerade übermütig einen Junggesellenabschied feiert, im Vorbeigehen in den Hintern kneift, gehe ich oft einfach weiter. Das nervt, aber ich weiß, dass eine Auseinandersetzung für mich gefährlich werden kann, also schlucke ich meinen Stolz und gehe einfach weiter als wäre nichts passiert. Es kann richtig hässlich werden, wenn ich den Mund auf mache, um meinen eigenen Körper zu verteidigen. „Ich stech‘ dich ab, du Schl*mpe“, war schon mal die Reaktion. Und ich garantiere euch, der Blick dieses deutlich älteren(!!!) Mannes hat mir verraten, dass das kein Scherz war. Mitten in der Stadt, bei Tageslicht und umgeben von unzähligen Menschen. Und kein anderer Mann hatte es gehört, oder hielt es für nötig der Situation Beachtung zu schenken.

Anderer Tag, anderer Typ. Er packte ungefragt meine Brust und reagierte auf meine lautstarke Abwehr mit: „Was? Dafür sind die doch da!“
Ehrlich? Dafür? Ich war der Meinung meine Brüste seien dafür da, um eines Tages ein Kind zu ernähren. Sexualisiere ich sie selbst gern? Ja. Betone ich sie? Immer wenn mir danach der Sinn steht. Gibt es einem Mann das Recht mich anzufassen? Niemals! Viele von euch finden die Situation halb so wild. Manch einer vielleicht sogar irgendwie witzig. Was aber, wenn ringsherum nicht viele Menschen gewesen wären? Was wäre passiert, wenn er mutiger gewesen wäre? Und was, wenn ich aus Angst vor Gewalt nicht einen unüberhörbaren Aufstand veranstaltet hätte?

Das sind nur zwei Sequenzen aus unzähligen Kämpfen, die ich in meinem Leben schon führen musste. Kennt ihr das, liebe Männer? Kennt ihr die Angst nachts im Zug die Augen zu schließen, weil euch jemand bedrängen könnte? Kennt ihr das unterdrückte Zittern, weil im Dunkeln jemand hinter euch läuft und ihr nicht wisst, ob er nicht hinter euch her ist? Kennt ihr ein Postfach voll Dick Pics? Wie oft wurdet ihr schon als H*ren oder F*tzen bezeichnet, weil ihr eine Einladung freundlich abgelehnt habt? Wie oft hat euch im Vorbeigehen jemand in den Hintern gekniffen?
Ich persönlich, habe aufgehört zu zählen. Aber ist das in Ordnung? Macht es das besser, wenn ich mich nicht mehr aufrege? Muss ich es akzeptieren, weil ich nun mal eine Frau bin?

Eines müsst ihr ganz dringend verstehen: Jeder einzelne von euch, kann diesen Kampf mit uns kämpfen. Anstatt uns zu fragen, warum wir denn schon wieder „die paar Meter“ mit dem Taxi fahren wollen, könnt ihr uns anbieten uns nach Hause zu begleiten. Anstatt nach der Party in 10 Metern Abstand hinter einer Frau her zu spazieren, die heimlich schon Herzrasen hat, könnt ihr einfach die Straßenseite wechseln und anstatt Witze darüber zu machen, dass wir in der Regel (gemeint ist die Periode!) unerträglich sind, könntet ihr uns einfach ein Wärmflasche hin halten. Denn, Männer, ihr habt keine Ahnung und ihr werdet zu eurem Glück auch niemals eine Ahnung haben. Also fangt endlich an uns zu glauben! Hört uns zu, wenn wir euch davon erzählen und behaltet euer Mitleid für euch. Was wir brauchen ist Respekt und vor allem euer Bewusstsein, dass diese Ungleichheiten, Machtgefüge und Gefahren für uns Frauen existieren. Jeden Tag. Macht die Augen auf und ich verspreche euch, es wird nicht lange dauern, bis ihr Gelegenheit bekommt, auch den Mund auf zu machen.

Ich habe euch wirklich gern in meinem Leben. Die Welt wäre ein einsamer Ort ohne euch. Ich habe wirklich gute Freunde, die all das bereits beherzigen, Kollegen, die mich ernst nehmen (und vielleicht auch ein bisschen Angst vor mir haben? – Jungs, ich bin nur tough, wenn ich muss!) und ich lerne immer häufiger Männer kennen, die offen für diese Themen sind. Ihr Männer seid wichtig für uns. Und genau deshalb werde ich nicht müde, es anzusprechen und euch mit all dem zu konfrontieren. In den meisten Fällen entstehen daraus wirklich gute Gespräche. Ich setz‘ schon mal den Kaffee auf. Wer ist dabei?

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