In 40 Tagen um den Block

Wir können es wohl alle nicht mehr hören. Ich werde versuchen diesen Beitrag völlig frei von jeglichen Unworten zu formulieren. Dennoch ist mir heute bewusst geworden, dass für mich gestern Tag 40 war. Eigentlich hatte ich kurz nach meinem letzten Beitrag aufgehört die Tage zu zählen. Wer weiß, ob wir nicht irgendwann anfangen die Monate zu zählen. Aber gut. Gehen wir mal nicht vom Schlimmsten aus. Seit 6 Wochen spaziere ich also mehrmals am Tag mit meinem Wollknäuel durch die Nachbarschaft. (Ich sage Wollknäuel, weil mich ihr Fellwechsel wohl noch in den Wahnsinn treibt.) Zuletzt hatte ich Dinge angesprochen, die mich belasteten. DIE Lösung war für viele von uns eine lange Liste an Dingen, die man erledigen/testen/lernen möchte. Und? 

Wie viel davon habt ihr schon umgesetzt? Ich werfe mal einen Blick auf meine Liste… Lesen. Von 8 Punkten, die ich mir “für den Anfang” aufgeschrieben hatte, habe ich diesen erfüllt. Ich lese. Deutlich mehr als sonst und immer noch nicht so viel wie andere in ihrem normalen Alltag. Statt Yoga zu lernen, habe ich es bisher nur zwei Mal gemacht und sehe dabei übrigens aus wie ein kleiner, dicker Buddha. Statt den Kabuff aufzuräumen, kämpfe ich tagtäglich gegen das eben erwähnte Fell an und statt die Fotos in meiner Cloud zu sortieren, mache ich Selfies von meinem Make Up. Vergessen wir die Liste!

Spaziergänge sind das Highlight meines Tages. Vor allem die große Runde am Abend. Aufgebrezelt oder nicht, in Begleitung einer Freundin oder ohne, mit Feierabend-Dosenbier oder homemade Coffee to go. Ich genieße es. Ich feiere die Momente, in denen ich über längere Zeit niemandem begegne, den ganzen Wald scheinbar für mich alleine habe und einfach alle Unworte dieser verrückten Zeit vergessen kann. Wenn es so weiter geht, fange ich womöglich noch an Bäume zu umarmen. Damit würde meine Definition von Achtsamkeit ein neues Level erreichen. Andererseits denke ich da gleich wieder an kleine Baumbewohner, die ich einfach nicht auf meiner Haut haben will. Nein, das wird eher nicht passieren.

Was haben 40 Tage herumstreifen bewirkt? Nachdem ich zuletzt den Fokus noch stark auf den Hirngespinsten hatte, mir Sorgen gemacht habe um das, was die Situation mit der Psyche anstellen kann, habe ich mittlerweile ein Gefühl von Entspannung entwickelt. Obwohl ich immer noch in Vollzeit arbeite, fühlt es sich ein bisschen wie Ferien an. 40 Tage sind quasi Sommerferien. Und sogar das Wetter hat mitgespielt. Morgens drehe ich eine kleine Runde um den Block und starte dann ganz gemütlich mit einer Tasse Kaffee (oder zwei) in den Tag. In der Mittagspause mache ich, meist in Begleitung, eine etwas größere Runde und kann mich so auch im home office von der Arbeit distanzieren. Das kann ich übrigens jedem nur empfehlen, um home und office nicht zu sehr verschmelzen zu lassen und eines Tages zu jeder erdenklichen Uhrzeit für die Arbeit greifbar zu sein. Und nach Feierabend, wenn dann auch der Haushalt so weit erledigt ist, folgt die große Runde. Die zog sich in den letzten Tagen bis zu zwei Stunden. Der Hund war selten so ausgeglichen und ich auch. Ich hatte so eine Angst davor, dass mir die Decke auf den Kopf fällt und meine Gedanken die falsche Richtung einschlagen und jetzt glaube ich fast, dass mir all das ein Stück weit fehlen wird, wenn wieder Normalität einkehrt. Okay, ich freue mich natürlich jetzt schon wie ein kleines Kind auf Abende mit Freunden an den Kasematten, Umarmungen und Geburtstagspartys (insbesondere meine) und trotzdem möchte ich mir diese Gelassenheit erhalten, die ich gerade erlebe.

Im Grunde wissen wir auch noch nicht, was Normalität in Zukunft sein wird. Für mich darf es gern normal sein, ein bisschen in den Tag hinein zu leben und weniger Listen abzuarbeiten, die nur künstlich Druck aufbauen. Oh, und besonders gern darf an der Kasse auch dauerhaft ein größerer Abstand eingehalten werden. Diese aufdringlich gestressten Wesen, die einem in den Nacken atmen, um dann trotzdem nicht schneller zu sein, waren nämlich schon immer unangebracht. Wir können diese Zeit nutzen, um alte Gewohnheiten zu hinterfragen, schlechte über den Haufen zu werfen und neue hilfreiche zu etablieren. Nicht alles wird uns gelingen und vieles wird mit Sicherheit wie vorher sein, aber es ist Erfolg genug, wenn manches besser wird. 

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