Tag 21

Heute vor einem Jahr saß ich mit einem Glas Aperol, einem guten Buch und purer Gelassenheit in der Abendsonne auf der Terasse. Freiwillig. Hätte mir damals jemand gesagt, dass mich eine globale Krise dazu zwingt, das zu tun, hätte ich wohl nur lachen können. Wenn’s sonst nichts ist… Und heute? Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos und ich habe Zeit, mich mit einem Buch und einem Glas Wein auf den Balkon zu setzen. Im Grunde ist nichts anders. Es sind dieselben Rahmenbedingungen. Ich kann exakt dasselbe Abendprogramm genießen wie vor einem Jahr. Außer, dass ich gefühlt keine Wahl habe. Und das stellt mich in meiner Wahrnehmung derzeit vor eine große Herausforderung.

Seit nun genau drei Wochen spielt sich ein Großteil meines Lebens in meiner Wohnung ab. Ich arbeite im home office, gehe nur einkaufen, wenn es nötig ist, mache Spaziergänge mit dem Hund. Meine sozialen Kontakte habe ich schon lange vor der offiziellen Kontaktsperre auf ein Minimum reduziert – zum Schutz anderer. Ab und an begleitet mich eine Freundin beim Spaziergang, man telefoniert deutlich mehr und auch Video Konferenzen sind auf der Tagesordnung. Darüber hinaus haben viele von uns Listen erstellt mit Dingen, die sie während der Quarantäne erledigen wollen:

  • Ausmisten
  • Home Workouts
  • Yoga lernen
  • X Bücher lesen
  • Fotos sortieren
  • Fenster putzen
  • Sprachen lernen
  • Webinare

Die Liste könnten wir wohl endlos werden lassen. Wie viel ich von meiner Liste bisher umgesetzt habe? Natürlich nichts. Ich habe sehr viel aufgeräumt, ausgemistet, gekocht und sogar Sport gemacht. Aber nichts davon steht auf meiner Quarantäne Liste. Ich bekomme die Tage bisher ganz gut gefüllt. Ich kann immerhin noch arbeiten. Kritisch wird es dann an den Wochenenden. Da könnte ich mich durch meine Liste arbeiten. Aber ich möchte auch mal nichts tun. Herumsitzen mit einem Glas Aperol und einem Buch zum Beispiel. Gesagt. Getan. Und dann? Je weniger ich aktiv mache, desto mehr Zeit hat mein Kopf für seine Hirngespinste. Aus allein wird plötzlich einsam, aus Ruhe wird erdrückende Stille, aus Zuhause wird Gefängnis.

Jedes Mal, wenn diese Gedanken aufkommen, sehe ich zu, dass ich aktiv werde, mich anders beschäftige und meinen Fokus wieder auf die schönen Seiten des Zuhauseseins lenke. Ich bin teilweise wirklich fasziniert, wie oft diese Schwankungen an einem Tag aufkommen können. Eine schlechte Nachricht kann mich zum Weinen bringen und nur Minuten später freue ich mich, dass mein Lieblingsfilm im Fernsehen läuft, oder ich den Duft von frisch gewaschener Wäsche in der Nase habe.

Es ist nicht so, als könnte ich nicht allein sein. Ich habe auch vor der Krise viel Zeit allein verbracht, war gerne zuhause, hab mich mit mir auseinander gesetzt, auch allein Urlaub gemacht. Und nur weil jemand anderes nun diese Entscheidung für mich getroffen hat, wird daraus plötzlich ein Problem. Zumindest für ein paar Sequenzen am Tag. Es fühlt sich in diesen Momenten an, als habe ich ein Stück weit die Kontrolle über mich selbst abgegeben. Doch was mir am meisten fehlt, sind die Menschen! Eine Umarmung zur Begrüßung, ein Abend mit Freunden, die an einem Tisch versammelt sind, oder sogar das Lächeln an der Kasse, welches ich aufgrund einer Schutzplane nicht sehen kann. Es sind nicht die geschlossenen Shopping Meilen, die gestrichenen Freizeitangebote, oder die versäumten Partys. Es sind die kleinen Dinge, die wir sonst gar nicht genug zu schätzen wussten.

Heute hat mich dieses Bild von vor einem Jahr daran erinnert, wie gern ich Zuhause bin und wie gern ich für mich bin. Es erinnert mich auch daran, wie sehr mir Menschen manchmal auf die Nerven gehen und wie gerne ich dem Trubel entfliehe. Was passiert hier also noch die nächsten Wochen? Ich werde wohl weiterhin zwischen diversen Emotionen schwanken, mich auf die Kleinigkeiten freuen, die uns gerade verwehrt bleiben, andere Kleinigkeiten für mich neu entdecken und sie dann hoffentlich auch nicht vergessen, wenn ich wieder nur freiwillig Zuhause bleibe. Denn in besten Fall gehen wir aus dieser Krise und haben gelernt, was für uns selbst tatsächlich wichtig ist und was uns individuell glücklich macht.

Ein Kommentar zu „Tag 21

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  1. Ohhh deine Zeilen sprechen mir gerade wirklich aus dem Herzen. Mir geht es wie Dir: Einerseits erinnert mich die viele Zeit in den eigenen Wänden gerade daran, wie gern ich eigentlich Zuhause bin und wie gut ich mit mir selbst was anfangen kann, auf der anderen Seite fühlt sich dieser erzwungene Zustand und die Unsicherheit über die Dauer aber auch sehr fremd und seltsam an. Daher finde ich es immer ganz tröstlich, zu lesen, wie es Anderen damit so geht. Danke dir! 🙂

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