Bist du auch schon body positive?

Versteht mich nicht falsch. Ich mag meinen Körper. Wirklich. Und es gibt Teile von mir die ich lieber mag als andere. Aber lieben? Seit wann reicht die Optik für derart große Gefühle? Und warum scheint es derzeit unabdinglich seinen Körper heilig zu sprechen? Wieso darf ich mich nicht mehr unwohl in meiner Haut fühlen, wenn mir danach ist?

Du stehst früh auf, hast bedingt gut geschlafen, fühlst dich dehydriert von der Heizungsluft, lechzt nach einem großen Glas Wasser und bekommst beim Blick in den Spiegel so einen Schreck, dass der Kaffee nur noch die offizielle Begründung für deinen Wachzustand ist. Graf Dracula hätte das blasse Wesen da nicht besser verkörpern können. Und jetzt verrate mir, wie positive dich dieser Zustand macht. Mir ist klar, dass man sich deshalb nicht verstecken muss, dass es keinen Grund gibt morgens heimlich vor dem anderen ins Bad zu huschen und sich zurecht zu machen, aber von body positivity kann in diesen Momenten nun wirklich nicht die Rede sein. Und das ist nur einer davon. Bin ich mir selbst positiv gestimmt, wenn meine Lieblingsjeans nach Weihnachten nicht mehr passt oder mag ich meinen Körper, wenn mal wieder nichts zum anziehen finde? Nein. Und das ist in meinen Augen auch absolut okay.

Ich stimme jedem zu, der behauptet, dass wir ihn pflegen sollten, weil er uns ein Zuhause gibt und uns schützt. Wahrscheinlich sind wir ihm auch häufiger positiv gestimmt, wenn wir uns um ihn bemühen, Sport treiben, die Haut pflegen und uns gut ernähren. Und selbst dann wird es Tage geben, an denen wir uns einfach nicht wohl in unserer Haut fühlen. Als würde man eine Jeans tragen, die nicht richtig sitzt. Ich frage mich, warum neuerdings von mir erwartet wird, dass ich diesen Zustand zelebriere? Wenn es nie schlechte Tage gibt, wie gut können dann die Guten sein? Und warum sprechen wir nicht mal von body reality?

Wenn ich den Hype richtig verstanden habe, geht es doch darum, sich so zu akzeptieren, wie man ist und sich genauso zeigen zu dürfen wie man möchte. Viele sehen sich nun gezwungen, mutig zu sein. Das Netz ist voll mit Speckröllchen, Dehnungsstreifen und schlaffen Hintern. Muss ich denn meine Makel demonstrativ vor die Linse halten, um zu betonen, dass ich genauso wenig perfekt bin wie der Rest der Welt? Fühlen sich diese Frauen wirklich wohl dabei? Und sieht nicht jeder lieber Bilder von sich, die seine Vorzüge betonen? Natürlich sollte jeder tragen dürfen, was er möchte, so viel von sich und seinem Körper preis geben, wie er es für richtig hält und negative Kommentare gekonnt an sich abprallen lassen. Nur sollte sich auch umgekehrt niemand verpflichtet fühlen das zu lieben, was ihn eigentlich stört. Wenn ich mich gestern noch zu dick gefühlt habe, ist es nicht damit getan heute ein Bikinifoto zu posten und mich an den positiven Kommentaren zu erfreuen. Es ist mutig, sich selbst aus dieser Perspektive zu zeigen, keine Frage, doch dieser Mut verändert nicht zwangsläufig dauerhaft meine Einstellung zu mir. Und bei aller positiver Energie dürfen wir nicht vergessen, dass dies keine Ausrede sein darf. Ich bin selbst nicht sonderlich vorbildlich, dennoch darf dieser Hype nicht genug Macht haben, um den Sport an den Nagel zu hängen und noch mehr ungesundes Zeug in den ach so geliebten Körper zu stopfen.

Sei stolz auf deinen Körper! Er leistet jeden Tag so viel für dich. Leg den Fokus auf das, was gut ist, aber ruh‘ dich nicht darauf aus. Und bevor mir jetzt jemand die Augen auskratzt: Dies ist auch ein Appell an mich.
Wer zu dick ist, muss sich nicht verstecken. Wenn die Brüste irgendwann nicht mehr da sitzen, wo sie mit 20 waren, betrachte es als Anlass für neue Dessous. Und auch wenn dein Hintern mehr Streifen hat als der eines Zebras, ist es immer noch der Hintern, den du jedes Mal hoch kriegst, um deine Ziele zu erreichen. Unser Körper erzählt unsere Geschichte, aber hat mal jemand in Erwägung gezogen, diesen Körper zu achten und ihm zum Beispiel durch wertvolle Nahrung zu danken, anstatt all seine Makel der Welt unter die Nase zu reiben?

Es gibt nun mal Dinge, die wir an uns ändern können und auch sollten, sofern uns tatsächlich etwas an unserem Körper liegt. Ich tue mich tatsächlich schwer damit, einen Menschen zu feiern, der meint body positive zu sein, obwohl er an dramatischem Über- oder Untergewicht leidet. Ich finde es falsch Menschen auf die Schulter zu klopfen, die ihren ungesunden Lebensstil verleugnen, indem sie vermeintlich mutig sind. Denn in meinen Augen sollten wir viel häufiger die feiern, die ihren Körper wirklich schätzen. Diese Menschen bekommen dann leider viel zu oft unseren Neid zu spüren, anstatt dass wir uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Statt also eure Speckröllchen in Szene zu setzen, könntet ihr den fleißigen unter uns ein wenig Zeit schenken und ihnen ein Kompliment für den achtsamen Umgang mit ihrem Köper machen.

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