Hinsehen

„Muss ich jetzt meditieren oder Bäume umarmen, um ein gutes Leben zu führen?“ In einem meiner ersten Beiträge hatte ich Achtsamkeit für mich definiert. Ein wenig zynisch hatte ich es formuliert. Wenn ich heute im Netz unterwegs bin, möchte wirklich Bäume umarmen. Aus Ehrfurcht vor dem, was derzeit auf der Welt passiert. Aus Dankbarkeit, dass der Wald vor meiner Tür nicht in Flammen steht. Aus Bedauern, so lange völlig unachtsam gehandelt und vor allem konsumiert zu haben. Aus Sorge, um das, was uns noch bevorsteht.

Der Klimaschutz ist ein breit diskutiertes, hoch politisches Thema, das sowohl bei Aktivisten wie Greta als auch bei ihren engstirnigen Kritikern Wut entfacht. Diese reagieren wütend, weil ihnen bald die Argumente ausgehen, oder weil sich die Zeichen der Erde nicht mehr ausblenden lassen. Nicht selten fühlt sich jemand angegriffen, weil ich erwähne SELBST dieses oder jenes Produkt zu meiden, ohne auch nur im geringsten Zustimmung zu erwarten. Vermutlich fühlen sich diese Personen angegriffen, weil sie insgeheim wissen, wie veraltet ihre Ansichten sind. Mein Konsum ist weit weg von „nachhaltig“, mein ökologischer Fußabdruck zu groß. Ich möchte (muss) es ändern, finde ich es jedoch schwierig gleich mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, in der Hoffnung damit unsere Spezies und viele weitere zu retten.

Dann, beim Anblick der Feuer in Australien wird mir eiskalt. Wilde Tiere, die sich von uns Menschen, den Verursachern helfen lassen, weil sie Brandwunden und schrecklichen Durst haben, bringen mich zum Weinen. Unzählige Menschen, Kinder, die ihr Zuhause für immer zurücklassen müssen, lassen mich erstarren. Helden, die ihr Leben riskieren, um jahrhundertelange Unachtsamkeit zu bändigen, zerreißen mir das Herz.
„Du tust zu wenig!“
„Es ist nicht genug!“
„Du musst dich ändern!“
„Du darfst das nicht mehr!“
„Du musst hinsehen!“
Doch sind wir mal ehrlich. Die Last liegt auf unser aller Schultern und ein Leben in völligem Gleichgewicht mit der Natur ist fernab jeder Realität. Der Schlüssel für mich ist hinzusehen, ganz bewusst. Wer hinsieht spürt, welche Stellschraube er drehen kann, ohne sich selbst dabei zu verbiegen.

Im Rahmen meiner Neujahrsvorsätze habe ich euch mitgeteilt, meinen Fleischkonsum drastisch einzuschränken. Versteht mich nicht falsch, ich habe immer gern Fleisch gegessen, mag den Geschmack sehr, aber ich möchte auch in 50 Jahren noch aus dem Fenster schauen und grüne Wälder sehen. Es spricht in meinen Augen nichts dagegen ab und an Fleisch zu essen, doch sollten wir uns alle bewusst machen, wie viele Ressourcen für die Produktion (anders kann man es leider nicht ausdrücken) nötig sind. Laut NABU werden für 1kg Rindfleisch rund 16.000 Liter Wasser benötigt. Kaffee schafft – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – je Kilo sogar 20.000 Liter. Zum Vergleich: Unser direkter Wasserverbrauch liegt bei gerade mal 125l am Tag. Moment. Am Tag? Wofür lassen wir bitte so viel Wasser fließen? Ich bin froh, wenn ich zwei davon trinke. Und diese Erkenntnis bringt die Problematik ziemlich genau auf den Punkt. Je mehr Wissen man sich aneignet, desto mehr Baustellen ergeben sich. Wo soll man da bloß anfangen? Egal! Irgendwo ist schon besser als gar nicht. Und wer anfängt, eine neue Gewohnheit etabliert, entwickelt irgendwann die nächste. Hier wie auch sonst gilt: Je mehr Erfahrung du hast, desto mehr Baustellen kannst du koordinieren.

Heute, bei Kaffeegesprächen über Haarseifen, waschbare Reinigungspads und fairtrade Kaffee, durfte ich dann feststellen, dass sich schon viel getan hat – bei mir und in meinem Umfeld. Hätten wir diese Gespräche vor 2 Jahren geführt? Wohl kaum. Und doch fühlt es sich nicht erzwungen an. Uns liegt etwas daran und wir empfinden Freude dabei, neue Produkte zu entdecken, die uns und dabei auch unserem Planeten gut tun. Und tatsächlich fühlt es sich gut an, nach und nach auf das zu verzichten, was lange heimlich schaden angerichtet hat. Mein Ziel ist es, jeden Tag ein bisschen besser, achtsamer zu handeln und zu konsumieren. Und ja, ich werde wohl nie mit dem Segelboot den Atlantik überqueren und selbst mein Auto scheint mir unentbehrlich. Aber wer weiß…

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