Ich hab‘ den Blues

„Hallo! Da bist du ja wieder. Und du hast schweres Gepäck dabei. Du bleibst also länger. Na super. Immer, wenn du auftauchst, steigt dieses Gefühl in mir hoch. Es ist, wie am Morgen aus dem Fenster zu schauen und neben der grauen Wolkendecke nur Nebel und Nieselregen zu sehen. Es ist, wie einer dieser Morgen, an denen man sich viel lieber zurück ins Bett kuscheln würde, als zur Arbeit zu gehen. Nur ist es das den ganzen Tag. Jeden Tag.

Hier bist du also, machst dich in meiner Wohnung breit, verfolgst mich überall hin und lässt mich dein Gepäck tragen. Ich möchte dich bitten zu gehen, oder besser gleich rausschmeißen. Ich bleibe höflich, gebe nach und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass mir mein alljährlicher Gast alle Kraft raubt. Wegen dir will ich sicher keine Schwäche zeigen. Deine Existenz wird von den allermeisten ohnehin angezweifelt, oder dein Name so inflationär genutzt, dass deine Taten nicht ernst genommen werden. Nicht einmal deine Gastgeber erkennen dich unbedingt und versuchen verzweifelt mit Kaffee und Co. durch den Tag zu kommen. Als wäre der Herbst nicht trist genug musst du auch noch traurige Gesichter in den Tag schicken, die sich mit ihren immer tiefer werdenden Augenringen an ihre Tassen klammern und diese Stimmung selbst auf diejenigen übertragen, die dich nicht persönlich kennen.
Ein Glück ziehst du nicht dauerhaft ein. Spätestens zur Vorweihnachtszeit machst du dich rar und ich habe dich wieder vergessen. Mach es dir also nicht zu bequem…“

So würde ich mich wohl anhören, wenn der Herbstblues jemand wäre. Ich kenne den M***kerl mittlerweile sehr gut. Solange ich mich nicht zwischendurch in den Süden verkrieche, Stammgast im Solarium bin oder exzessiv Sport treibe, ist er da, sobald die die Blätter von den Bäumen fallen. Ich kenne ihn und daher ist er kaum der Rede wert. Ich weiß, was hilft, setze es bedingt um und warte sehnsüchtig darauf, dass dieses erdrückende Gefühl wieder nachlässt. Ein Gefühl, das in mir Selbstzweifel, Pessimismus und Einsamkeit auslöst. Nichts davon bin wirklich ich und doch ist es ein Teil von mir.

Warum erzähle ich euch das? Wie so oft tauchen die Themen, die mich beschäftigen plötzlich vermehrt in meinem Umfeld auf. Sowohl im wahren Leben als auch in den sozialen Medien. Menschen, die sonst so strahlen, dass man fast geblendet wird, sprechen derzeit über Ängste, Schlafstörungen und Verstimmungen. Ich frage mich, wie viele Menschen es wohl betrifft, die damit nicht so offen umgehen können. Ich selbst versuche möglichst wenig darüber zu sprechen, weil ich das Problem nicht größer machen will, als es ist. In der Hundeerziehung heißt es: „Gib schlechtem Benehmen keine Aufmerksamkeit und lobe gutes Verhalten.“ Warum also nicht auch den Herbstblues ignorieren und sich umso mehr daran erfreuen, was man trotz dessen geschafft hat. Ich mache kein Geheimnis daraus, möchte aber auch nicht permanent mit anderen darüber sprechen, weil es mich ja bereits genug beschäftigt, wenn ich alleine bin.

Alleinsein ist in dem Zusammenhang übrigens ein schwieriger Zustand. Man fühlt sich schnell einsam, bloß weil man alleine ist. Die Gedanken werden lauter und der Frust wächst. Der Gedanke, unter vielen Menschen zu sein, scheint dagegen noch erdrückender. Da müsste man sich ja zusammenreißen. Man läuft Gefahr, Spaß zu haben. Ich stehe derzeit täglich vor dieser Entscheidung und bin jedes Mal froh, wenn ich mich für die Kraft entschieden habe und mich abends nicht auf dem Sofa in unbegründetem Selbstmitleid suhle. So schlimm? Ja, an manchen Tagen schon. Und das ist auch okay, solange der nächste Tag wieder besser wird.

Was also kann man tun, wenn Sonnenlicht nicht greifbar ist und man nicht so gern das Solarium aufsucht? Hier meine Tipps, um den Blues zu vertreiben:

  • Licht an!
    Sobald du aufstehst oder heim kommst, schalte das Licht an. Und zwar nicht die kuschelig gedimmte Nachttischlampe sondern Deckenfluter und alles was sonst noch Festtagsbeleuchtung schreit. Wenn die Natur es schon nicht gut mit uns meint, dann müssen wir selbst für eine helle Umgebung sorgen
  • Raus!
    Beweg‘ dich jeden Tag an der frischen Luft, am besten im Wald und wenn du kannst schon morgens vor der Arbeit.
  • Trotze dem Heißhunger!
    Der ein oder andere kennt es. Ist der Blues erst angekommen, will man seinen Frust darüber am liebsten in Zucker ersticken. Das hilft leider nur kurzfristig. Gönne dir etwas Süßes an den guten Tagen (Belohnung) und verkneife es dir, wenn es dir sowie schon schlecht geht. Ansonsten kann es passieren, dass sich zum Blues auch noch das schlechte Gewissen gesellt.
  • Teamwork!
    Sprich mit jemandem darüber. Vielleicht hat jemand in deinem Umfeld dasselbe Problem und ihr könnt euch gegenseitig unterstützen. Und auch sonst sind Verbündete immer gut, um gemeinsam etwas zu unternehmen, oder einfach nur um zu reden.
  • Foodporn!
    Ja, ihr solltet Zucker meiden, aber es spricht nichts gegen gutes Essen. Gebt euch Mühe beim Kochen, gönnt euch eure Lieblingsgerichte und zaubert bunte Salate. Je mehr Farben und Geschmäcker auf den Teller kommen, desto besser.
  • Kleine Ziele!
    Mache Pläne und setze dir kleine Ziele für den Tag. Das kann etwas im Haushalt, eine Sporteinheit oder nur ein Beauty Treatment sein. Schon wenn du dich an die Umsetzung machst, wirst du merken, dass du mehr Energie bekommst.
  • Hilfe!
    Sollte sich euer Gemütszustand dramatisch verschlechtern oder nach einigen Wochen nicht von selbst bessern, sucht euch Hilfe! Der Herbstblues ist nicht weiter schlimm und sollte von selbst wieder verschwinden. Ein anhaltender Zustand kann im schlimmsten Fall aber in einer Depression münden.

Ich hoffe, ich kann den ein oder anderen von euch damit inspirieren. Natürlich muss jeder für sich herausfinden, was ihm gut tut. Ein Leitsatz, den ich in dem Zusammenhang im letzten Jahr lernen durfte: „Wenn’s gut tut – mehr davon!“

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