Haken hinter!

Aufstehen. Fenster öffnen. Kurz ins Bad. Kaffeemaschine. Blumen gießen. Kaffee. Journal. Ab unter die Dusche. Haare. Make Up. Bett machen. Fenster zu. Tasche packen. Arbeit… Einkauf. Sport. Haushalt. Dusche. Kochen. Lesen. Oder doch etwas fernsehen? Wäsche waschen nicht vergessen. Ach und das Journal. Gleich ins Bett. Nur noch der Abwasch. Und Mama muss ich noch schreiben. Hab‘ ich was…? Morgen unbedingt an die Mail denken. Abschminken. To-Do-Liste schreiben. Haken setzen.

Was habe ich gestern überhaupt gemacht? Die Zeit rennt. Oder haben wir bloß verlernt sie zu spüren?

Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich meine Tage hoch motiviert plane, Listen schreibe, deren Inhalte ich schnellstmöglich wieder abhaken möchte, mir Ziele setze, die ich dann nur bedingt erreiche, um mich im Anschluss darüber ärgern zu können. „Schaffe Dir Routinen“, sagen sie. In einem gewissen Maße mag das stimmen, um bei sich wiederholenden Tätigkeiten Zeit zu sparen und nicht ins Schleudern zu geraten, wenn das Leben wieder seine Finger im Spiel hat. Doch merke ich an mir und auch bei anderen, dass aus gut gemeinten Routinen schnell ein Zwang wird, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu schaffen. Den Kaffee unterwegs trinken und morgens lieber schon ein wenig im Haushalt schaffen, damit man abends mehr Zeit hat. Diese Zeit nutzt du dann abends, um noch mehr Punkte auf deiner niemals endenden To-Do-Liste abzuhaken. Schnell entsteht Zwang zur Optimierung. Als würde es nicht reichen permanent an unsere optischen Defizite erinnert zu werden, muss nun auch unser Alltag durchweg effizient sein. Du beginnst Dinge parallel zu machen. Hörst Podcasts, die dich weiterbringen sollen, statt eines guten Hörbuchs. Du liest nur noch Sachbücher statt eines spannenden Krimis. Du schaust zwar noch Serien, um im Büro mitreden zu können, schmeißt aber parallel den Haushalt. Und dann wird auch noch alles getrackt. Für deine neuen und guten Gewohnheiten hast du eine App, in der du jeden Tag einen Haken setzen kannst. Deine Schritte werden verfolgt. Für den Sport und die Ernährung hast du natürlich auch Pläne. Es würde ja Zeit fressen, wenn du dir täglich Gedanken darum machen müsstest. Deinen Schlaf trackst du auch. Denn nur wer gut schläft, kann gut leisten. Verabredungen sind fest in deinen Zeitplan integriert, vernachlässigen willst du Freunde und Familie auf keinen Fall. „Spontan? Sorry, ich habe in drei Wochen, am Dienstag zwischen 19 und 21 Uhr Zeit für Dich. Länger geht’s nicht, denn sonst komme ich mit der Abendroutine nicht zeitig ins Bett.“ Schon mal gehört? Oder habe ich dich sogar erwischt?

Auf der einen Seite wird uns gepredigt, wie wichtig Entschleunigung ist, auf der anderen Seite kenne ich kaum jemanden, der freitags noch nicht weiß, was er am Wochenende unternehmen wird. Es gibt sogar diverse Apps fürs Meditieren. Sind wir wirklich nicht mehr in der Lage zehn Minuten einfach still da zu sitzen und die Gedanken bewusst zu verabschieden? Ich kann mich diesen Vorwürfen nicht entziehen und dennoch erschreckt es mich. Wir haben solche Angst davor unser Leben nicht zu kontrollieren, dabei haben wir die Kontrolle doch schon längst sämtlichen Devices übergeben.

Wann hast du dich zuletzt ganz spontan mit einem Menschen getroffen, bloß weil ihr gerade Sehnsucht nacheinander hattet? Wann hast du dich zuletzt in dein Auto gesetzt und bist einfach losgefahren, ohne zu wissen, wohin die Reise geht? Und wann hast du zuletzt ein ganzes Wochenende damit verbracht, nichts zu planen und einfach die Zeit mit dir selbst zu genießen? Ohne das Gefühl etwas zu verpassen. Ohne das Gefühl deinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Die besten Geschichten im Leben entstehen nicht, während wir unseren Alltag effizient gestalten und Haken auf unserer To Do Liste setzen. Die Erfahrungen, an die wir in Jahren noch denken, werden die sein, die aus den unsinnigsten Momenten entstanden sind. Momente in denen wir nicht an Ernährungspläne, Haushaltsbücher oder Einkaufslisten gedacht haben. Wir planen nicht nach der Party noch gemeinsam den Sonnenaufgang zu beobachten ehe wir Heim fahren oder bei einem Date durch einen Springbrunnen zu hüpfen. Diese Momente entstehen, weil wir die Zügel aus der Hand geben und der Zeit Raum geben. Also setz doch ab und zu den Haken hinter deine Selbstoptimierung. Es könnte sich lohnen.

3 Kommentare zu „Haken hinter!

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  1. Oh man was ein sinnloses Geschwafel. Wirklich grauenhaft zu lesen & die Message hat Julia Engelmann vor 5 Jahren gebracht – und zwar auf den Punkt.

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    1. Vielen Dank für Deine aufrichtige Kritik! Julia Engelmann ist großartig, da gebe ich Dir vollkommen Recht! 🙂 Lass ihr doch ein positives Feedback da, wenn dich ihre Worte so begeistern. Sie wird sich sicher freuen!

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    2. Wie wäre es mal mit konstruktiver Kritik?
      Wie kann man einen Blogbeitrag pauschal als „sinnloses Geschwafel“ abtun und gleichzeitig keine fundierte Begründung für diese Aussage anführen?!

      Dass der hier angesprochene Drang nach Perfektionismus im Alltag und ständiger Selbstoptimierung durch Tracking-Apps bereits häufiger thematisiert wurde liegt vielleicht daran, dass solche Themen die Menschen bewegen.
      Oder soll jetzt niemand mehr über die ewige Liebe singen, weil Whitney Houston „die Message schon vor 27 Jahren gebracht hat“?

      Ich muss sagen, dass ich den Beitrag super fand.
      (Achtung – jetzt kommt die Begründung für meine Aussage)

      Weil ich mich beim Lesen dieser Zeilen ertappt fühlte, weil ich danach am liebsten einen digital Detox gemacht hätte und ich, seitdem ich den Beitrag gelesen habe, bereits zwei mal auf meinen engen Zeitplan gepfiffen und mich stattdessen lieber mit einer Freundin auf ein Gläschen Wein getroffen habe.

      Bravo! Bitte mehr davon 🙂

      Gefällt 1 Person

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