Kaffee gegen Stress

Du bist mit deinen Freunden verabredet, betrittst den Raum und kaum angekommen hast du das Bedürfnis etwas loszuwerden, das dich in den letzten Tagen gestresst hat. Ein Moment, den ich bei mir und meinen Liebsten immer wieder beobachte. Das kann alles Mögliche sein. Stress im Job. Der Freund, der es mal wieder nicht geschafft hat, seine dreckigen Sportklamotten in den Wäschekorb zu räumen, oder der Nachbar, der seine Nase mal wieder viel zu tief in anderer Leute Angelegenheiten steckt. Es tut gut einfach mal auszusprechen, was einen nervt und es beruhigt die Stimmung. Im Anschluss kann man den Moment viel besser genießen. So geht es mir zumindest. Und so kam es beim letzten Kaffeeklatsch natürlich auch wieder.

Wir waren eine kleine Runde, versammelt am Küchentisch. Ein weiterer Freund kam dazu und kaum saß er am Tisch atmete er erst mal tief aus. Einsatz für die aufmerksamen Zuhörer: „Alles gut bei dir?“ Er zögerte natürlich keine Sekunde den Ballast abzuwerfen, um im Anschluss den Kuchen auch tatsächlich genießen zu können. Er erzählte uns also, dass er das Wochenende damit verbracht hatte seiner Mutter dabei zu helfen, passende Vorhänge für ihr frisch renoviertes Schlafzimmer zu finden. Hierbei sollte ich betonen, dass er nicht unbedingt der Typ für derartige Shopping Touren ist. Klar, wenn man einen neuen Fernseher braucht, oder wissen möchte, welche Lampe sich zu einem bestimmten Zweck am besten eignet, ist man bei ihm richtig. Aber Vorhänge? Da hätte ich zu gerne Mäuschen gespielt. Nach unzähligen Stunden in diversen Möbelhäusern, online Recherche und ebenso vielen Retouren, hat die Gute letztlich immer noch nicht die perfekten Vorhänge gefunden. Nach seiner für uns sehr amüsanten Anekdote aß er sichtlich gelöst seinen Kuchen und trank den mittlerweile lauen Kaffee. Wir Frauen verstehen natürlich, dass es eine Weile dauern kann, bis man mit der Auswahl von Inneneinrichtung zufrieden ist. Er dagegen fragt sich, ob sie ihn damit noch in den Wahnsinn treibt. img_20180429_144759.jpg
Ich überlegte kurz, ob es Sinn machen würde unsere Mütter gemeinsam auf die Suche zu schicken. Da sie uns aber sicher dazu verdonnern würden mitzufahren und ich mich nicht selbst für Stunden in der Textilabteilung eines stickigen Möbelhauses einsperren wollte, warf ich diese Idee direkt wieder über Bord.
Wir lieben unsere Eltern – nur deshalb machen wir diesen Spaß jedes Mal aufs Neue mit. Da sind die panischen Anrufe a la „Kind, ich glaube, ich hab gerade Google gekauft!“, die Unterstützung in allen digitalen Fragen, von denen wir meinen, dass es doch nach dem dritten Mal endlich klar sein müsste und mein persönliches Highlight: das Aufbauen von neuen Möbeln.
Ja, ich weiß die meisten lassen sich da eher von Papa helfen. Ich dagegen werde angerufen, wenn irgendwas vermeintlich nicht passt. Problematisch sind da weniger die Möbel, sondern viel mehr die Ungeduld eines Mannes, der sich schlichtweg nicht für handwerkliches begeistern kann. Per se ist das auch überhaupt nicht schlimm. Ich schraube gerne an neuen Möbelstücken herum. Der Moment, in dem ich dazu neige auch die Nerven zu verlieren, ist der, in dem ich in der Anleitung blättere, um mir über die nächsten Schritte klar zu werden und mein Vater dann (schon wieder nervös) hinter mir steht und mir Ratschläge gibt, die an dieser Stelle weder Hand noch Fuß haben. Ob er mich damit noch in den Wahnsinn treibt?
Sie wissen es besser, denn sie haben schon viel mehr Lebenserfahrung. Klar! Diese Begründung ist in etwa so gut, wie unsere zu Zeiten der Pubertät. Damals wussten wir auch ALLES besser. Unsere Eltern hatten einfach keine Ahnung, waren nicht mehr zeitgerecht. Wie dumm wir doch waren…

cof

Mit den Erinnerungen an früher kam der Gutmensch in mir hervor. Um meinen Freund zu beruhigen sagte ich etwas darüber, dass diese Frau in all den Jahren seiner Erziehung wohl schon wesentlich mehr Nerven an ihn verloren hat als umgekehrt. Und da kam mir ein Gedanke. Unsere Eltern haben sicher nicht vergessen wir störrisch wir als Kinder waren, wie oft wir in den unangemessensten Momenten geschrien haben und vor allem haben sicher nicht vergessen wie oft wir sie um Hilfe gebeten haben, obwohl wir erst felsenfest davon überzeugt waren, es besser zu wissen. Sie durften uns auch nicht auslachen, wenn wir Blödsinn erzählt haben. Zumindest nicht offensichtlich, denn wir waren Kinder. Aber vielleicht genießen sie es heute ein ganz klein wenig, uns die Nerven zu rauben. Möglicherweise machen sie sich einen Spaß daraus uns ein bisschen von dem Gefühl zurückzugeben, das wir ihnen in den schlimmsten Phasen der Pubertät gegeben haben. Böse Unterstellung? Vielleicht, aber der Gedanke amüsiert mich!

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